Geschichte

Diakonie im Wandel

Die Chronik des heutigen Diakonischen Werkes Köln und Region in Stichworten

1924

Zentral-Jugend- und Wohlfahrtsamt der Evangelischen Gemeinden Groß-Kölns mit Büro im CVJM-Haus in der Antoniterstraße 21-25

1932

erster hauptamtlicher Leiter wird Pfr. Ludwig Friedrich Fuckel, zugleich Leiter des in Köln ansässigen Rheinisch-Westfälischen Diakonievereins

1933

neuer Leiter wird Pfarrer Dr. Johannes Friedrich Benjamin Kühler, er bleibt bis 1945 im Amt

1934

Gründung des „Gesamtverbandes der Evangelischen Kirchengemeinden“, der die bis dahin ungesicherte Finanzierung übernimmt, Umbenennung in „Evangelisches Jugend- und Wohlfahrtsamt Köln“

1940

auf Anordnung des nationalsozialistischen Propagandaministeriums auch in Köln Umbenennung in „Evangelischer Gemeindedienst für Innere Mission“

1943

nach Ausbombung Verlegung des Büros nach Köln-Mülheim und 1944 nach Bergisch Gladbach

1945

Wiederaufnahme der Arbeit in einem Büro in Köln-Dellbrück

1945

Pfarrer Friedrich Wilhelm von Staa leitet das Amt nebenamtlich bis 1948

1945

Umbenennung in „Evangelisches Kreispfarramt für Diakonie des Kirchenkreises Köln“, angegliedert sind „Innere Mission“ und das „Hilfswerk“

1946

Umbenennung in „Evgl. Jugendpfarramt“1949: Pfarrer Dr. Erwin te Reh übernimmt die Leitung des Amtes

1949

Umbenennung in „Evangelisches Kreispfarramt des Kirchenkreises Köln“

1950

Gründung des Vereins „Coenaculum – Christus lädt ein“

1953

Ausgliederung des Jugendpfarramtes

1959

Ausgliederung der Telefonseelsorge

1959

Bezug des neugebauten Nikolaus-von-Zinzendorf-Hauses in der Brandenburger Straße

1964

mit Gründung des Stadtkirchenverbandes Umbenennung in „Amt für Diakonie des Evangelischen Stadtkirchenverbandes Köln“

1969

Einweihung des Zentrums der Christlichen Sozialhilfe e.V. Köln-Mülheim gemeinsam mit der Caritas

1971

Einrichtung einer Drogenberatungsstelle in der Brandenburger Straße, später Ritterstraße, heute Drogenhilfe Köln e.V.

1973

Eröffnung des Steinberghauses, einer von zwei „Offenen Heilstätten für Drogenabhängige“ in NRW

1975

Trennung des „Coenaculum“ vom Amt für Diakonie auf Betreiben des Evangelischen Stadtkirchenverbandes Köln

1975

Pfarrer Volker Cepl übernimmt die Leitung des Amtes

1977

Beginn der Beratung älterer Mitbürger

1979

Start des Mobilen Hilfsdienstes zum Einsatz Zivildienstleistender

1983

erster Einsatz sozialpädagogischer Familienhelfer (heute: Ambulante Hilfen zur Erziehung)

1985

Start der sozialpädagogischen Familienhilfe im Rhein-Erft-Kreis

1986

Konzeption der Schuldnerberatung für Köln

1992

Vereinsgründung zur Trägerschaft des Sozialpsychiatrischen Zentrums für den Stadtbezirk Nippes, gemeinsam mit der Immanuel-Küpper-Stiftung

1993

Gründung des heutigen „Netzwerkes Wohnungsnot RheinBerg“

1993

erste Asylverfahrensberatung für Flüchtlinge

1997

Eröffnung der Schuldnerberatung RheinBerg

1998

Eröffnung des Diakoniehauses Salierring für wohnungslose Menschen

1999

100-jähriges Bestehen der Bahnhofsmission Köln

2000

Start des Familienladens Buchheim als Modellprojekt

2001

Gründung der Diakonie gGmbH zur Organisation der Diakoniestationen für ambulante Pflege

2001

Start der Clearingstelle Claro im Jobcenter

2001

Gründung der Fahrradwerkstatt RADWERK als Erprobungs- udn Trainingsmaßnahme in Bergisch Gladbach

2005

Helga Blümel wird Geschäftsführerin

2006

Gründung der Diakonie Arbeitsgemeinschaft Köln

2007

Umbenennung in Diakonisches Werk des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region; neue Satzung: ein Fachausschuss löst den bisherigen Vorstand ab

2007

Übernahme des Arbeitslosen- und Begegnungszentrums "Lindweiler Treff"

2008

Eröffnung des Jugendhauses TREFFER in Köln-Buchheim

2009

Umbenennung des "Ev. Jugend- und Familienhilfe Köln e.V." in "Diakonie Betreuungsverein Köln und Region"

2010

Start des Interkulturellen Zentrums in Köln-Buchheim

2013

Umzug der zentralen Geschäftsstelle mit diversen Arbeitsfeldern in das Haus der Evangelischen Kirche, Kartäusergasse 9-11

2014

Gründung der Regionalen Arbeitsgemeinschaft der Diakonie im Rheinisch-Bergischen Kreis

2016

Auflösung des Diakonie Betreuungservereines Köln und Region e.V.

2016

Eröffnung des ersten Flüchtlingswohnheimes nur für Frauen und Frauen mit Kindern

2017

Eröffnung des Flüchtlingswohnheimes in der Brandenburger Straße

2017

Start der Glücksspiel-Suchtberatung für das rechtsrheinische Köln

2017

Start der Gemeinwesenarbeit Köln-Holweide

Historische Momentaufnahmen

Klagen über zunehmende Armut, mangelnde Solidarität und den Rückzug des Staates waren in den 1920er Jahren, den Gründerjahren des Diakonischen Werkes Köln und Region, an der Tagesordnung. Dies zeigen auch die folgenden Passagen aus dem „Lagerbuch“ und den wenigen Jahresberichten, die noch erhalten sind:

1922 trat das neue Reichsjugendwohlfahrtsgesetz in Kraft, die Geburtsstunde der städtischen Jugendämter. Folge war, dass sich auch die damals so genannte „freie Liebestätigkeit“ in den Städten neu orientierte und zentralisierte. Im April 1924 gründete die evangelische Kirche in Köln daher das „Zentral-Jugend- und Wohlfahrtsamt der Evangelischen Gemeinden Groß-Kölns“. Jugendfürsorge und Krankenpflege gehörten ebenso zu den Aufgaben wie die Betreuung von Mündeln. Fünf Fürsorgerinnen und Fürsorger und zwei Bürokräfte bildeten das hauptamtliche Team des Amtes. 1934 wurde zusätzlich ein Fürsorger für die „Trinkerfürsorge“ eingestellt, außerdem ein männlicher Krankenpfleger. Heute sind es rund 300 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich in knapp 30 verschiedenen Arbeitsgebieten engagieren.

Aktenschrank aus erbetteltem Geld

In den ersten zehn Jahren steht das Amt finanziell noch auf wackeligen Füßen. Denn die Kirchengemeinden spenden nur freiwillig und unregelmäßig Geld, um die laufenden Kosten zu decken. Und sie müssen regelmäßig eindringlich darum gebeten werden. Die erste hauptamtliche Fürsorgerin, Bertha Knoblauch-Vorell, erinnert sich in einem Brief an die schwierigen Anfänge: „Wir begannen im C.V.J.M.-Haus Antoniter Str. mit einem Stempel und Telefon in einem Raum mit langem Tisch und Stühlen. Besonders ungemütlich. Erste Anschaffung nach vier Monaten: ein Aktenschrank aus erbetteltem Geld.“

Aufgaben und Ziele

In den schriftlichen Aufzeichnungen der Mitarbeiterin der ersten Stunde, findet sich auch eine Aufgabenbeschreibung und Zielsetzung in fünf Punkten:

  • Das Zentral-Jugend- und Wohlfahrtssamt hat die Aufgabe, eine Zusammenfassung aller evangelischer Jugendarbeit zu erstreben.
  • Die Zentralisierung ist notwendig, einmal um einer geschlossenen Vertretung den Behörden gegenüber, zum andern, um ein Neben-, Gegen-, und Auseinander in den eigenen Reihen zu vermeiden.
  • Die praktische Arbeit wird zunächst in der Fürsorgeabteilung beginnen. Dieselbe umfasst: Waisenpflege, Fürsorge-Erziehung, Vormundschaftswesen, Haltekinder und Pflegestellen, Nachweis, Fürsorge für obdachlose und wandernde Jugend, Jugendgerichtshilfe, Schutzaufsichten.
  • Als zunächst dringendste und wichtigste Aufgabe soll die Jugendgerichtsarbeit mit Schutzaufsichten und Fürsorge-Arbeit in Angriff genommen werden.
  • Daneben soll auch die Jugendpflege starke Beachtung erfahren und fester zusammengefasst werden, um eine einheitliche Front gegenüber den Behörden und Rom darzustellen.
  • So sollen im Laufe der Zeit alle evangelischen Belange, die nur irgendwie die Jugend angehen, seien sie fürsorgerischer oder pflegerischer Art, von der Zentrale erfasst werden.“

Wirtschaftliche, seelische und sittliche Not wächst

Der Bericht über das Jahr 1931, den Fürsorgerin Eugenie Caesar am 21. Januar 1932 verfasst, enthält Klagen über die allgemeine Situation der Wohlfahrtspflege:

„Zusammenfassend muß vom vergangenen Jahr gesagt werden, dass sich die Schwierigkeiten, die schon 1930 begannen, rapide vermehrt haben. Obschon die wirtschaftliche, seelische und sittliche Not wächst, werden die Hilfsmittel immer geringer. Die öffentliche Wohlfahrtspflege ist am Rande ihrer Kraft und versucht, so weit wie möglich, die Hilfsbedürftigen an die private Wohlfahrtspflege abzugeben, aber auch diese droht weithin zu versagen. Vielleicht hat derjenige Recht, der einmal sagte, dass bei der freien Liebestätigkeit, ‚die Tätigkeit stärker gewachsen sei als die Liebe’. So nur ist es zu erklären, daß sich je länger je mehr ehrenamtliche Kräfte zurückziehen, daß es beim besten Willen nicht möglich ist, körperlich oder geistig behinderte Menschen, deren man sich staatlicherweise nicht annimmt, in Pflegefamilien unterzubringen. Man hat sich, glaube ich, zu sehr daran gewöhnt, daß es Organisationen für diesen oder jenen Notstand gibt und vergessen, daß Liebestätigkeit nur immer aus dem Impuls Einzelner oder einer Gemeinschaft bezw. Gemeinde erwachsen kann.“

Zeit des Nationalsozialismus

Als sich 1934 der „Gesamtverband der Evangelischen Kirchengemeinden“ gründet und sich verpflichtet, die diakonischen Aufgaben zu finanzieren, bekommt das Amt eine solide finanzielle Grundlage. Auch der Name wird im selben Jahr geändert in „Evangelisches Jugend- und Wohlfahrtsamt Köln“ und muss 1940 auf Drängen des nationalsozialistischen Propagandaministeriums auch in Köln erneut geändert werden in „Evangelischer Gemeindedienst für Innere Mission“. Während der Zeit des Nationalsozialismus wird die Arbeit weniger, da vor allem die staatlich gleichgeschalteten Stellen Aufgaben wie die Betreuung von Mündeln erhalten. Allein einem evangelischem Mitarbeiter der Stadt verdankt der evangelische Gemeindedienst die Zuteilung weiterer Vormundschaften. Dieser vermittelte die Anträge nämlich lieber den Protestanten als dem städtischen Jugendamt, das alles an die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) weiterleitete.

Ausgebombt

Während der letzten Kriegsjahre müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der „Inneren Mission“ immer wieder umziehen: Das Büro in der Antoniterstraße wird im Juni 1943 durch Bomben völlig zerstört. Eine Angestellte kommt dabei ums Leben. Die Arbeit wird zunächst in der Zweigstelle Wallstraße in Mülheim weiter geführt. Bis im November 1944 auch hier die Bomben einschlagen und die noch verbleibenden Angestellten Zuflucht in Bergisch Gladbach in ehemaligen Kindergartenräumen finden. 
Fürsorgerin Elly Müllenbach erinnert sich in ihren Aufzeichnungen:

„Der Raum (früher Kindergarten) war zwar angefüllt mit Betten vom Evgl. Krankenhaus Kalk und wurde nachts von SS-Männern besetzt, immerhin konnten wir tagsüber, sofern kein Alarm war, erneut mit dem Wiederaufbau unserer Werke beginnen. Jetzt war eine persönliche Betreuung von nur noch wenigen Schützlingen möglich. Jede Fahrt nach Köln war ein großes Wagnis. Aber wie freuten sich unsere Leute draußen über einen Gruß von Köln. Da wir mit einer nochmaligen Zerstörung unserer Arbeit rechnen mußten, stellten wir unsere Mündelkonten um, um sie möglichst leicht transportieren zu können.“

Neuanfang 1945

Erst als Bergisch Gladbach nach der Besetzung Kölns durch die Amerikaner unter Artilleriebeschuss gerät, geben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf. Doch schon im Mai 1945 führt der Gemeindedienst seine Arbeit in einem Büro in Dellbrück weiter. Bereits im Sommer 1945 werden drei weitere Räume im Oelbermannhaus am Hohenstaufenring angemietet. Die Arbeit unmittelbar nach dem Krieg ist von Hilfeleistungen aller Art geprägt: Unterkünfte für Ausgebombte finden, bei der Suche nach Vermissten helfen, Pakete mit Kaffee, Eiern und Butter für bescheidene Konfirmationsfeiern zusammenstellen.

Die größeren Veränderungen beschreibt Elly Müllenbach wie folgt:

„Die Arbeit erfuhr nach 1945 wesentliche Änderungen. Zur Inneren Mission kam das Evgl. Hilfswerk. Zunächst war daran gedacht, alle Jugendarbeit in Köln, vom Kindergarten bis zur Studentenschaft bei unserem Amt zu zentralisieren. Die Studentenarbeit wurde jedoch als erstes verselbständigt. Dem Amt wurde eine Evgl. Buchhandlung angegliedert. Die Zusammenfassung von Innerer Mission und Hilfswerk in Personalunion des Leiters und an einer Stelle hat sich vom ersten Tage an bewährt. Erstmalig wurden 1946 hauptamtliche Kräfte für die Jugendpflege eingestellt. Daraus ergab sich wieder eine Änderung des Namens: ‚Evgl. Jugendpfarramt’. Die Kindergartenarbeit war hier zentralisiert. Die Jugendfürsorgearbeit wuchs. Zu den noch vorhandenen und zurückkehrenden Fürsorgerinnen und Fürsorgern wurden neue eingestellt.“

Coenaculum

Der Bedarf an Unterkünften und Ausbildung für junge Menschen, die aus Krieg und Gefangenschaft heimkehren oder aus ihrer Heimat fliehen müssen, wächst ständig. Pfarrer Dr. Erwin te Reh, seit 1949 Leiter des Kreispfarramtes für Diakonie, gründet daher 1950 den Verein „Coenaculum – Christus lädt ein“. 25 Jahre später werden Amt für Diakonie und Coenaculum verwaltungstechnisch getrennt. Die Aufgabenabgrenzung wird in einer Vorstandssitzung festgehalten: „Das Amt für Diakonie wird tätig im Stil der offenen Sozialarbeit und verfügt – abgesehen vom Steinberghaus – über keinerlei stationäre Einrichtungen. Das Coenaculum dagegen ist ausschließlich Träger stationärer Einrichtungen.“ 
Im „Lagerbuch“ des Evangelischen Kreispfarramtes des Kirchenkreises Köln“ steht geschrieben: „Das Kreispfarramt vereinigt innerhalb der Synode Köln und Köln Land Jugend-, Gefährdeten-, Süchtigen-, Gefangenenfürsorge, Hilfswerk, Kindergärten und Horte und die Jugendpflege.“

Christi in Wort und Tat

Im Laufe der Jahrzehnte wandeln sich die Aufgaben dieser offenen Sozialarbeit mit den gesellschaftlichen Anforderungen. Die Probleme ändern sich ebenso wie die Ansprüche an die Hilfeleistungen und auch die finanziellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen. Doch der Auftrag, den das Diakonische Werk des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region wahrnimmt, ist seit 1924 derselbe geblieben: „Menschen in Not die Liebe Christi in Wort und Tat nahe zu bringen.“ (Zitat aus dem Leitbild des Diakonischen Werkes Köln und Region)